Zerbrochene Welten mit Eulenspiegel

Eine Stele für die deportierten Juden aus Berne, Tierköpfe als verwischte Fotografien, Skulpturen zwischen Schalk und Katastrophe: Raymon E. Müller ist ein vielseitiger Künstler. In seinem Haus in Jade an der Grenze zu Kleibrok empfängt der Erfinder des Rastede-Logos auch unangekündigten Besuch.

 

Von Britta Lübbers | Nur wenige Kilometer an der Grenze zu Rastede lebt Raymon E. Müller mit seiner Frau Gisela in einem alten Bauernhaus. In 25 Jahren hat das Paar aus dem verfallenen Hof, der von Kartoffelacker und Brennnesseln umgeben war, ein kleines Paradies geschaffen. Auch die von Müller zwischen Hecken und Sitzecken platzierten Skulpturen wirken auf den ersten Blick vor allem ästhetisch. Schaut man genauer hin, fallen Welten auseinander, hebt einer, der es nicht mehr aushält, die Hände über den Kopf, fehlt einem christlichen Kreuz der Querbalken, weil das Kreuz nichts ausrichtet gegen das Elend. „So können Sie das sehen“, sagt der Künstler, als er an diesem Morgen durch den Garten führt. „Man darf meine Kunst aber auch einfach nur schön finden.“ Raymon E. Müller ist ein versierter Künstler, der sein Fach gelernt hat und es beherrscht. Er ist auch ein guter Geschichtenerzähler und ein Freund klarer Worte. Eines ist er aber nicht: eitel. Wo andere ihre Biografie ausschmücken, arbeitet Müller (der UNO-Preisträger ist und zahlreiche Ausstellungen hatte) mit Weißstellen.

 

„Kreativität auf Abruf“ ist seine Homepage überschrieben, weil er auch Auftragsarbeiten annimmt. Über seine Vita erfährt man dort so gut wie nichts. „Wer will das wissen“, winkt er ab, erzählt dann aber doch. Geboren wurde er 1950 in Brake, wo er auch aufgewachsen ist. Müller machte eine kaufmännische Ausbildung – „weil man das damals so machte“ – und ging später nach Hamburg, um dort Kunst, Grafik und Design zu studieren. Für seinen Broterwerb arbeitete er als Grafiker beim Umweltministerium, parallel dazu ist er immer freischaffender Künstler gewesen. „Warum? Weil ich das Talent hatte, weil es aus mir herauswollte, weil es Vorbilder gab.“ Max Liebermann zum Beispiel, oder Andy Warhol – „das war ein Knaller“. Solche Knaller gebe es heute nicht mehr, bedauert Müller. „Wie auch, alle Tabus sind längst gebrochen. Wenn heute einer auf der Theaterbühne die Hosen runterlässt, dann denke ich: Was soll das? Das haben wir schon in den Sechzigern gemacht.“ Plakative politische Kunst kann er ebenfalls nicht leiden. „Ich war auf der documenta in Kassel und habe verstanden, dass wir die Welt retten müssen“, sagt er und klingt durchaus verärgert. Soll Kunst also nicht politisch sein? „Doch, sie soll und sie muss, aber doch nicht dadurch, dass ich Schwimmwesten an eine Laterne hänge und so die Flüchtlingskrise darstelle.“

 

Wie es anders gehen kann, hat Müller immer wieder selbst gezeigt. Etwa mit seiner schlichten Ausgestaltung des Eingangstors zum Jüdischen Friedhof in Berne. „Schauen Sie hier“, sagt er und zeigt auf den Miniatur-Entwurf einer aktuellen Arbeit. Es ist ein Block, aus dem ein Keil herausfällt. Auf dem Keil stehen die Namen der deportierten Jüdinnen und Juden aus Berne. Ganz schlicht ist das und umso wuchtiger. Im Original wird das Mahnmal aus Stahl sein, einen Zementkern haben und 2,50 Meter aufweisen. Beim Atelier-Rundgang zeigt sich des Künstlers ganze Vielfalt. Figuren aus Aluminium und Modelliermasse tragen zerbrochene Welthälften oder stehen kurz vor dem Abgrund. „Ich bin kein Pessimist, ich bin Realist“, sagt Müller über sich selbst. „Zeichnen kann ich auch“, fügt er hinzu und weist auf Tuschezeichnungen von Eulen und skelettierten Fischen. „Schnell muss es gehen, in zwei Minuten ist das fertig.“ Er sei ein unruhiger Geist, lächelt Müller. Und seine Frau Gisela, die aus der Brachfläche ums Haus einen kleinen Paradiesgarten gemacht hat, sei das auch. Seit einiger Zeit trifft sich das Paar einmal am Tag an einem weißen Tisch mit Blumen und Kerzenlicht, um in aller Ruhe eine Zigarre zu rauchen und sich auszutauschen. Als sie in München in einem Zigarrenladen waren, sei ihnen – die beide bisher nicht geraucht hatten – diese Idee zur gemeinsamen Entspannung gekommen. Überhaupt München. „Wir lieben diese Stadt“, seufzt Gisela Müller. In eine Gartennische hat ihr Mann eine Eulenspiegelfigur gestellt, die ein Werbeschild für Münchner Augustinerbier schwenkt – eine schalkhafte Hommage an die süddeutsche Biergartenkultur.

 

Doch ist Müller nicht nur Künstler, er hält auch Vorträge, z.B. über die 1950er Jahre. „Fassonschnitt und Lederhose“ lautet der Titel. Müller mag diese Zeit, trotz und wegen ihrer Widersprüche. „Wir haben damals noch selbst gemachte Abenteuer erlebt. Und wenn wir in Brake an der Kaje standen und die großen Pötte sahen, die nach New York fuhren, dann hatten wir Sehnsucht.“ Schön sei das gewesen. Weniger schön fand er als Kind seinen Vornamen. Sein Vater, so geht die Familienhistorie, habe einem kanadischen Soldaten im Krieg das Leben gerettet. Raymon hieß der. „Wie heißt du, Reiner?! Raimund?!“, wurde dann Müller als Junge gefragt. Heute wäre das kein Thema, aber damals? Müller lacht. Anderseits passt ein derart gegen den Strich gebürsteter Name gut zu diesem Ausnahmekünstler, der übrigens auch das Rastede-Logo entworfen hat.

 

Raymon E. Müller kann die große und die kleine Form, er beherrscht viele Techniken, er mag die Klarheit. Das, was sich einfach darstellen lässt, will er nicht unnötig verkomplizieren. Und erzielt auf diese Weise nachwirkende Effekte. So hat er durch einen Gazefilter eine winzige Stierfigur fotografiert, andere Bilder dieser Reihe zeigen eine Pyramide und die Silhouette einer Katze. Die Aufnahmen wirken wie Statements zu Mythologie und Vergänglichkeit. Man darf sie aber auch – wie die Objekte im Garten – einfach nur schön finden.

Wer sich für die Kunst und den Garten von Raymon E. und Gisela Müller interessiert, kann auch unangekündigt vorbeikommen. Müller führt gerne durch sein Atelier. Die Adresse lautet 26349 Jade, Jaderlangstraße 16. Informationen stehen im Internet unter www.raymonmueller.de.